sterben bevor wir sterben

von | Sep 19, 2022

Vor einigen Tagen war ich im Kloster Saunstorf bei meinem spirituellen Lehrer OM C. Parkin. Als ich vor 7 Jahren begann als Bestatterin zu arbeiten, da wusste ich, dass diese Arbeit mich innen und aussen tief berühren und vieles lehren würde. Etwas später begegnete ich OM das erste mal.

OM C. Parkin selbst ist verwirklicht. Nach einem schweren Verkehrsunfall machte er – damals im Koma – eine Nahtoderfahrung. OM ist auch durch diese Erfahrung für mich einer der berührendsten wahrhaftigsten Weisheitslehrer unserer Zeit. Wenn er spricht gibt es nichts Persönliches, was sich ihm in den Weg stellt. Unter dem Thema „Todeserfahrungen auf dem inneren Weg“ haben wir uns in diesen Tagen der Einladung „stirb bevor du stirbst“ gewidmet.

Was bedeutet diese starke Aussage?

Auf meinem Weg mit OM habe ich bereits einige Momente erlebt, in denen es sich wie Sterben angefühlt hat:

Wenn ich ihm z.B. eine Frage aus meinem Mensch-Sein heraus gestellt habe. Dann kam meine Persönlichkeit (Ego) mit seiner Antwort zuerst einmal stark ins Schleudern. Manchmal fühlte sich die Antwort fast wie eine Ohrfeige an. Im Nachhinein stellt sich jedoch immer Heilung ein, in dem ich mich in OM´s Antwort hineinfallen ließ, mich dafür öffnete, meinen Widerstand aus dem Rechthaben-Wollen aufgab, ja, in dem mein ICH bereit war, zu sterben…

Stirb bevor du stirbst – In einer Dunkelmeditation begegnete ich an diesem Wochende meiner alten Angst vor dem Dunkeln und letztlich auch der Angst vor dem Tod, dem großen Mysterium.

Mein eigener Tod – auch wenn ich täglich durch meine Arbeit als Bestatterin mit ihm zu tun habe – ist und blieb mir bisher unbekannt. Und wenn ich als Bestatterin gefragt wurde, ob ich Angst vor meinem Tod habe, dann kam immer die Antwort: „ich weiss nicht, wer ich dann in dieser Sitaution sein werde“. Es ist immer etwas anderes Zeuge zu sein, als selbst betroffen. Das macht mich immer wieder allen Trauernden und Sterbenden gegenüber demütig.

Unbekanntes (noch nicht Erfahrenes) löst in uns zumeist tiefe Angst aus. Viele Menschen haben dies besonders in Zeiten von Corona mehr oder weniger bewusst erlebt, denn so ein letztlich unschtbarer Virus ist dafür ein starker Türöffner.

Viele Menschen haben so eine starke Angst vor der Angst, dass die Angst vor dem Tod, die hinter jeder Angst lebt, gar nicht gefühlt werden kann. Besonders in unserer westlichen Gesellschaft, in der das Denken im Vordergrund steht, ist das so. Wir können es daran erkennen, dass der Tod und das Sterben in unserer Kultur noch immer stark beurteilt, missverstanden und vor allem tabuisiert ist.

Stirb bevor du stirbst – Auf der Konferenz in Saunstorf waren in einem der Räume Kunstwerke ausgestellt, in denen der Tod auf unterschiedlichste Weise abgebildet war. Mal fratzenhaft, mal ohne Gesicht, ein dunkler Weg durch ein lichtes Tor, das ins Nichts führte.

Mitten im Raum stand er. Der Tod. Ich sah wie er atmete. Meine Angst begann meinen ganzen Körper in ein Zittern zu verwandeln.

Dann drehte er sich um. Ich schaute in ein weiss maskiertes plastiziert geschminktes Gesicht, das keine Miene verzog, mit halb offen Schlitzaugen. Die um die Augen liegende Dunkelheit zog meine Aufmerksamkeit zugleich in mein eigenes Inneres, in jene Tiefe, in der bisher scheinbar ungefühlte Angst Zuhause war, während ein anderer Teil zugleich neugierig dem Geschöpf vor mir die Aufmerksamkeit gab. Ich fühlte mich angezogen und abgestoßen zugleich. Meine Beine zitterten stark. Da waren keine Gedanken mehr die mir hätten helfen können, diese Gestalt als verkleideten Hausmeister des Klosters zu enttarnen. Irgendwie war ich selbst ganz Angst. Keine Zeit zum denken. Der Körper übernahm das Ruder. Wenn wir bedenken, das Angst ein wahres Phänomen ist, nicht zu den GEfühlen zählt, sondern zu den Körperempfindungen, dann machte das alles gerade einen großen Sinn.

Einen Schritt nach dem anderen näherte ich mich dem Gevatter, der mir sehr sanft in seinem Wesen offensichtlich interessiert an mir, sein Antlitz zeigte. So stark wie sich der Fluchtimpuls meines limbischen Systems meldete, war zugleich der Sog zu bleiben.

Tränen liefen mir über die Wangen.

Eine tiefe Trauer überkam mich. Ich war verwundert über diese Reaktion…

Spät in der Nacht, vor dem Schlafengehen kam mir in den Sinn, dass es vielleicht die Trauer über all die ungelebten Momente meines Lebens war – in denen ich statt jemandem oder etwas nahe zu kommen, lieber einen Bogen um eine lebendige wahrhaftige Erfahrung gemacht hatte, nur, um der eigenen Angst, dem inneren Feuer, der Wirklichkeit nicht begegnen zu müssen.

Erinnerungen tauchten auf, Situationen, in denen ich als Kind und auch als Erwachsene, lieber sicherheitshalber abgebogen war. Nun ist das so eine Sacher mit der Sicherheit. Doch wenn wir genauer hinschauen, ist sie eine der größten Illusionen.

Am Tod können wir das besonders erkennen. Denn wenn wir uns bewusst machen, das es auch uns in jedem Augenblick ereilen kann, täglich sterben unzählige Menschen plötzlich … Können wir uns dann nicht genau deshalb tiefer fallen lassen, uns dem Fluß des Lebens hingeben, gerade weil wir es eben einfach nicht in unserer Hand haben – Das Leben.

Stirb bevor du stirbst – Hier und jetzt in diesem Kunstraum dem Tod persönlich begegnend, da war plötzlich etwas in mir bereit zu bleiben und der Angst, dem Leben, dem einen Moment, so pur er war, ganz nah zu sein. Näher und näher, noch einen Schritt und dann noch einen…

… und in diesem einen Moment zeigte sich die Todesangst noch deutlicher als jemals zuvor als Angst meiner Persönlichkeit vor dem “ ausgelöscht werden“ dem „Nichts“ zu sein. Wer bin ich also ohne meine Rollen, meinen Besitz, meine Taten? Ohne meine Persönlichkeit, die sich aus all dem zusammen setzt? Wer bin ich überhaupt? Ich weiss durch meine innere Arbeit seit 20 Jahren, dass ich weder meine Gedanken, noch mein Körper, noch meine Gefühle bin, doch wie oft vergesse ich das, werde wieder unbewusst und bin wieder mit allem Weltlichen identifizert. Und am Ende, wenn ich sterben werde, meinen physichen Leib verlasse, werde ich auch diese Persönlichkeit wohl nicht mitnehmen. Ich werde so gehen, wie ich gekommen bin, nackt – doch um unendlich viele Erfahrungen reicher.

Als Bestatterin habe ich so viele Erfahrungen mit dem äußerlichen Sterben und Tod machen dürfen, dass mir bewusst ist, das wir am Ende dieses Weges unseren physischen Körper wie eine Hülle ablegen und weitergehen. Und doch ist es etwas anderes, dieser Erfahrung selbst näher zu kommen.

Seit dieser Begegnung mit „meinem“ Tod spüre ich in meinem Herzraum eine andere Weite. Ich fühle eine tiefere Verbundenheit zu allem, was mir begegnet, Menschen, Tiere, Pflanzen, zu allem, was mich umgibt…

Danke Tod, dass du mich berührt hast und wieder etwas, was mir selbst im Wege stand, sterben konnte.